Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als mir jemand sagte, ich solle mich "in eine Nische" setzen. Ich habe innerlich die Augen verdreht. Nische klang nach Einschränkung. Nach Schublade. Nach: Du darfst jetzt nur noch über ein Thema reden und alle anderen bleiben draußen. Das war mein Bild. Es war falsch.
- "Ich arbeite mit Coaches."
- "Ich arbeite mit weiblichen Coaches."
- "Ich helfe weiblichen Coaches über 40, mehr zu verdienen, ohne ihren Job aufzugeben."
Der dritte Satz erzeugt Wiedererkennung. Die ersten zwei erzeugen nichts.
Das ist wie das Regal im Buchladen. "Bücher" ist kein Regal. "Sachbuch" ist kein Regal. "Persönliche Finanzen für Berufseinsteiger", das ist ein Regal. Und wenn du genau das suchst, läufst du daran nicht vorbei. Du bleibst stehen. Du greifst. Die Nische ist nicht das, was dich einengt. Es ist das, was dich auffindbar macht.
Laut der ICF Global Coaching Study 2023 geben über 70 Prozent der erfolgreichsten Coaches an, sich klar auf eine Zielgruppe oder ein Themenfeld spezialisiert zu haben. Coaches ohne klare Spezialisierung arbeiten im Schnitt mit deutlich niedrigeren Stundensätzen und berichten von weniger Weiterempfehlungen.
Zwei Achsen: Breite (viele mögliche Klienten, wenig Resonanz) vs. Tiefe (weniger mögliche Klienten, starke Resonanz). Kurve zeigt: Je tiefer die Nische, desto höher die Conversion und Weiterempfehlungsrate. BLUA-Palette.
Nische bedeutet nicht: Ich rede nur noch mit fünf Menschen pro Jahr. Nische bedeutet: Wenn die richtigen Menschen auf mich treffen, wissen sie sofort, dass ich gemeint bin. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Du wirst nicht kleiner. Du wirst schärfer. Und Schärfe zieht an.
Laura Seiler, eine der bekanntesten deutschen Coaches und Autorin, hat ihre Positionierung über Jahre geschärft, von allgemeiner Persönlichkeitsentwicklung hin zu sehr spezifischen Programmen für bestimmte Lebensphasen. Was folgte, waren nicht weniger Klienten, sondern mehr Klarheit, höhere Preise und stärkeres Wachstum. Die Nische war nicht die Decke. Sie war der Boden, auf dem etwas Stabiles entstand.
Die Angst vor der Nische, und warum sie fast immer unbegründet ist
Die meisten Coaches, die ich kenne, haben dieselbe Angst beim Thema Nische: Was, wenn ich mich festlege und dann die falschen kommen? Was, wenn ich mich einenge und der Markt dafür zu klein ist? Diese Fragen klingen vernünftig. In Wirklichkeit sind sie Schutzreflexe. Denn solange die Nische offen ist, kann man nicht scheitern. Wer für alle da ist, hat immer eine Ausrede: "Die Richtigen haben mich noch nicht gefunden."
Ich hatte mal einen Klienten, Business-Coach, fünf Jahre Erfahrung, der mir erzählte, er wolle "auf gar keinen Fall" zu spezifisch werden. Wir haben drei Monate gewartet. Dann haben wir gezählt: Wie viele seiner letzten zwanzig Klienten waren Führungskräfte? Siebzehn. Er hatte längst eine Nische. Er hatte sie nur nie ausgesprochen.
Reverse-Engineering-Diagramm: Start bei "Beste bisherige Klienten" → "Was hatten sie gemeinsam?" → "Welches Problem haben sie wirklich gelöst?" → "Das ist deine Nische." Pfeile nach links, um die Rückwärts-Logik zu visualisieren. BLUA-Ästhetik.
Wie du deine Nische findest, ohne dich zu verbiegen
Die meisten Nischen-Findungs-Methoden starten mit Marktanalyse. "Schau, wo der Bedarf groß ist. Schau, wo du dich von anderen unterscheidest." Das klingt strategisch. Es führt aber oft zu Nischen, die auf dem Papier Sinn ergeben und sich in der Praxis fremd anfühlen. Eine Nische, die sich fremd anfühlt, hält nicht. Du wirst sie nach sechs Monaten wieder aufgeben.
Der bessere Weg ist rückwärts: Schau auf deine besten bisherigen Klienten. Nicht die teuersten. Die besten, die, bei denen du nach dem Gespräch energetisiert warst. Die, denen du wirklich helfen konntest. Was hatten sie gemeinsam? Welches Problem haben sie mitgebracht? In welcher Lebensphase oder beruflichen Situation waren sie? Die Antworten auf diese Fragen ergeben deine Nische. Nicht als Konstruktion, sondern als Beschreibung von dem, was schon da ist.
Eine Nische ist übrigens kein Beschluss für die Ewigkeit. Die meisten erfolgreichen Coaches, die ich kenne, haben ihre Nische zwei oder dreimal angepasst, aber immer aus einer klaren Ausgangslage heraus, nicht aus Panik. Du kannst dich entwickeln. Nur: Tu es bewusst, nicht weil die alte Nische "irgendwie nicht mehr so richtig klingt".
Du machst dich nicht klein, wenn du dich festlegst. Du wirst sichtbar.
Quellen
Wenn du wissen willst, wie klar deine aktuelle Nische wirklich aufgestellt ist, mach den BRIDGE-Check.